Cochemer Modell - was spricht dagegen?

Fragen und Einwände

Fotos: „©iStockphoto.com/Vasiliki Varvaki

Werden bei der Cochemer Praxis die Eltern entmündigt?

Sofern sie sich während ihrer Trennung oder Scheidung als ungeeignet erweisen, auch in Zukunft gemeinsam für ihre Kinder zu sorgen und diese dadurch gefährden, bekommen sie Auflagen, sich beratend über das Wohl ihrer Kinder zu informieren. Für die Kinder ist eine fortdauernde unklare Lage nicht zumutbar, da sie dadurch noch länger den Machkämpfen der Eltern ausgesetzt werden.

Wird das Verfahren der Cochemer Praxis nicht teurer als bisher?

Die Verfahren im Rahmen der Cochemer Praxis dauern nicht länger als im Durchschnitt: Es gibt kaum noch Beschwerden vor dem Oberlandesgericht. Verfahren, die häufig sogar fünf Jahre und länger dauern, gehören in Cochem-Zell dagegen entgültig der Vergangenheit an. Das bisher längeste Verfahren dauerte 18 Monate. Erwägt man zusätzlich, dass ausgegrenzte Kinder im Laufe ihres Lebens und deren Eltern einen relativ hohen Bedarf an Psychotherapien und psychosomatischen Krankheiten haben, dann sieht die Gesamt-Bilanz für alle Beteiligten in jedem Fall positiv aus.

Was tun, wenn ein Elternteil gewalttätig ist?

In jedem Einzelfall muss fair und objektiv geprüft werden, ob tatsächlich der beschuldigte Elternteil eine Gefahr für das Kind darstellt. Das Kindeswohl ist es schließlich, worauf es beim Cochemer Modell ankommt, nicht die Rachegedanken, dass der andere Elternteil das Kind nicht „verdient“ hat.

Ist es dem Kindeswohl immer förderlich, wenn der Cochemer Arbeitskreis „ausschließlich streitschlichtend“ und daher „lösungsorientiert“ arbeitet?

Nicht immer. Denn eine „streitaustragende“ Arbeitsweise kann durchaus „lösungsorientiert“ sein. Andernfalls besteht die Gefahr, dass tiefergehende Gründe für Streit zwischen den Eltern unter den Tisch gekehrt werden. Zusätzlich ist in manchen Fällen eine Streitschlichtung gar nicht möglich. Sofern die Konfliktschlichtung zum „ausschließlichen“ Ziel wird, besteht die Gefahr, dass das Kindeswohl aus dem Blick gerät. Eine Streitaustragung z. B. per Mediation müsste daher außerhalb des Gerichtssaals stattfinden, da ein Gerichtsverfahren dazu zeitlich zu kurz ist.

Wie kann sich ein Erfolg im Sinne des Kindeswohls herausbilden, wenn die Eltern zu einem Beratungsgespräch verpflichtet werden?

Aus folgenden Gründen stellt die verpflichtende Beratung einen wesentlichen Bestandteil der Cochemer Praxis dar: Besteht hinsichtlich der elterlichen Verantwortung kein Konsens zwischen den Eltern, werden sie dabei unterstützt, vorhandene Missverständnisse und zugrunde liegende Konflikte und Kommunikationshindernisse zu beseitigen, um gemeinsam eine Lösung zu finden, welche dem Wohl des/der Kinder am ehesten entspricht.

Schwieriger verhält es sich dagegen mit der Zwangsberatung in dem Fall, wenn es trotz intensiver Bemühungen zu keiner Einigung im gegenseitigen Einvernehmen kommt. Mediation als „Zwangsharmonisierung“ ist nicht für alle Paare geeignet. Dies wäre zum Beispiel der Fall bei extremen Kränkungen oder gewalttätigen Handlungen zwischen den Eltern, bei Kindesmusshandlungen, bei sexuellem Missbrauch oder bei ausgeprägter Suchtproblematik. Auch extreme Machtgefälle zwischen den Parteien ist langfristig kein konstruktives Miteinander zu erwarten. Unter Umständen werden die Eltern dann genötigt, zur Wahrung der Fassade den „Gutmenschen“ zu spielen und einen falschen Frieden zu schließen. der niemals im Interesse der Kinder sein kann. Denn in diesem Fall würde der Streit auf privater Ebene forgesetzt, was nicht im besten Interesse der Kinder ist.

Nur, wenn nicht zu voreilig die Unlösbarkeit angenommen wird, wäre der Rechtsweg der herkömmlichen Art anzuraten. Es darf aber weder von den Eltern noch von seiten der Fachleute die Absicht vorliegen, eine schnelle und nach Bequemlichkeit orientierte Lösung herbeizuführen.

Wie kann das Stärken von Elternrechten erfolgreich sein, wenn einer der beiden Eltern dem Kindeswohl entgegenläuft?

Tatsächlich ist die Arbeitsmethode des Cochemer Modells hier nur dann erfolgreich, wenn dieser Fall nur vorübergehend vorliegt. Die Elten erhalten daher relativ viel Gelegenheiten, über ihren Standpunkt in Ruhe nachzudenken und ihn ggf. zugunsten des Kindeswohls zu ändern.

Kann eine Beratungsstelle auch im Sinne des Cochemer Modells mitarbeiten, wenn sie einer strengen Schweigepflicht unterliegt?

Nein, denn das Cochemer Modell geht davon aus, dass die Ratsuchenden vor Beginn der Beratung beim Jugendamt von einer eventuellen Berichtspflicht des Jugendamtes in Kenntnis gesetzt worden sind. Daher können entsprechende Informationen dem Gericht mitgeteilt werden. Gerade die Unkenntnis unter den verschiedenen Fachleuten führt nach der Erfahrung des Cochemer Arbeitskreises zu mangelhafter Übersicht und kann daher schwierig eingeschätzt werden.

Kann man ein Kind zwingen, mit dem von ihm abgelehnten Elternteil Kontakt aufzunehmen?

Solange kein traumatischer Vorfall vorausgegangen ist, ja. Meistens aber liegt die Kindeswohlgefährdung darin, dass das Kind stellvertretend für den betreuenden Elternteil den anderen aus seinem Leben verdrängen soll. Frühe Intervention durch betreute Besuche und Transparenz unter den Fachleuten tragen dazu bei, dass Kinder möglichst wenig dieser Not ausgesetzt werden. Der ersehnte Erfolg, dass das Kind beide Eltern behält, stellt sich fast immer ein.

Ist freiwilliges Handeln nicht die einzige Voraussetzung zu dauerhaftem Familienfrieden?

Seit Jahrzehnten hält sich hartnäckig die Meinung, ohne Zwang könne niemand etwas erreichen. Ohne Regeln und Grenzen würden aber nicht nur Kinder im Chaos versinken, sondern leider auch einige Erwachsene. Hier mag sich mancher Erwachsene entmündigt fühlen. Spätestens, wenn ein Elternteil für sich nur noch Rechte beanspruchen will (Kinder, Kindesunterhalt, Ehegattenunterhalt), dem anderen Elternteil dagegen nur noch Pflichten auferlegen will, sollte ihm klar sein, dass Rechte und Pflichten sich die Waage halten müssen.

Selbstverständlich ist ein gemeinsames Handeln der Eltern auf freiwilliger Basis immer effektiver. Aber Eltern, die vor Gericht gehen, tun dies doch gerade, weil sie sich nicht einig sind. Grundsätzlich kann es daher nicht akzeptiert werden, dass ein Elternteil das „Recht“ für sich beansprucht, seinem Kind seinen eigenen Willen auf Ablehnung des anderen Elternteils aufzuzwingen, und von dem anderen Elternteil die „Pflicht“ auferlegt, sein Kind „endlich in Ruhe zu lassen“, der verkennt den Grundsatz, dass ein Kind beide Eltern für sein seelisches Gleichgewicht braucht.

Zum Schluss:

In Deutschland müssen meiner Ansicht nach noch große Reformen stattfinden, um bundesweit eine der Cochemer Praxis orientierte Arbeitsweise stattfinden zu lassen. Ausreichend gut ausgebildetes Personal in den Jugendämtern, Gerichten und Beratungsstellen, und mehr Zeit bei Gerichtsverfahren sind eine Voraussetzung dafür.

Die Cochemer Praxis darf aber keineswegs als eine „Zauberformel“ betrachtet werden, mit der sich ab sofort alle Familienstreitigkeiten lösen lassen. Ohne jeden Zweifel stellt die Cochemer Praxis eine zeitgemäße Form in der Familienrechtsprechung dar. Jedoch, so wie jedes Arbeitsmodell, kann auch die Cochemer Praxis nur so erfolgreich sein wie die Menschen, die sie anwenden. Reformen Jugendämtern und Gerichten, unterstützt durch passende Gesetze, sind daher gefragt.

Zur Person
Michael Pfennig

Ich bin Musiklehrer, Komponist und Texter sozialkritischer Lieder. Ohne eigenes Verschulden verlor ich sechs Jahre lang jeglichen Kontakt zu meiner Tochter aus erster Ehe. Dabei entdeckte ich als engagierter Vater unglaubliche Missstände für Scheidungskinder im deutschen Familienrecht.

Meine Lieder entlarven Verantwortliche, aber sie enthalten auch Lob für Pioniere auf hoffnungsvollen neuen Wegen.

Michael Pfennig

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